am Dienstag, 18. März 2014

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Sektionseigener Bericht

Der Syrienexperte Dr. Kinan Jaeger   Foto: Kalle Berg

In unserer schnelllebigen Nachrichten- und Medienwelt sind immer nur jüngste Ereignisse präsent und berichtenswert. Und wenn dann noch NATO und EU unmittelbar betroffen zu sein scheinen wie im aktuellen Fall „Krim/Ukraine“ treten andere Krisen- und Kriegsgebiete vollends in den Hintergrund. Um den Blick wieder zu weiten, widmete sich die Sektion Bonn einem Brennpunkt, der seit mehreren Jahren für mehr oder weniger Schlagzeilen sorgte und bisweilen hektische diplomatische Aktivitäten auslöste. Zum Thema „Syrien und der Arabische Frühling – Chance oder Chaos?“ referierte der Lehrbeauftragte an der Uni Bonn, Dr. Kinan Jaeger.

Der Referent mit syrischen Wurzeln führte mit eindrucksvollen Momentaufnahmen in das Thema ein: Die Medienberichterstattung muss wegen ihrer Positions- und Interessenvielfalt kritisch verfolgt werden. Menschen, die alles verloren haben, sind bereit, um ihr Leben und Überleben mit der Waffe in der Hand zu kämpfen. Dies nutzen Trittbrettfahrer der Opposition aus. Kinder sind die besonders bedauernswerten Opfer des Krieges. Kulturschätze werden zerstört. Die kriegerischen Auseinandersetzungen führen zu Umweltkatastrophen. In den Flüchtlingslagern entwickeln sich Ausbildungscamps für Rebellen.

So sehr der Arabische Frühling „im Westen“ begrüßt und unterstützt wurde, stellte sich doch schnell heraus, wie unübersichtlich und komplex die Entwicklungen besonders in Ägypten und Syrien waren. Wie war die Verfassungsmäßigkeit der gewählten Regierungen zu Beginn des Frühlings zu bewerten? Zählen Wahlen nur dann, wenn das Ergebnis genehm ist? Wie homogen ist die Opposition, wie einheitlich deren Ziele?

Am Beispiel Syrien wird die komplexe und diffizile Lage besonders deutlich: ethnische und religiöse Bevölkerungs- und Machtstrukturen, unterschiedliche externe Interessenlagen, islamistische Tendenzen und Absichten. Diese vielfältige und vielschichtige Gemengelage ist von Außenstehenden nur schwer zu durchschauen und zu verstehen und führt diplomatische Bemühungen schnell an ihre Grenzen. So wurde zum Beispiel das „System Assad“ vorschnell als erledigt betrachtet. Dabei wurde übersehen, dass der Präsident immerhin noch durch Wahlen legitimiert ist und nach wie vor durchaus Rückhalt in der Bevölkerung hat. Dieser gründet sich auf seine Glaubensgemeinschaft, seine Familie und regionale Sympathien. Die Rebellen wurden vorschnell anerkannt und unterstützt und dabei übersehen, dass deren Aktivitäten und Interessen sehr divergent sind und von islamistischen Trittbrettfahrern mit bestimmt werden. Angesichts dieser Lage drohe eine „Balkanisierung“ Syriens, was die Kräftebalance im Nahen Osten empfindlich stören würde. Syrien sei bedeutsam nicht wegen seiner Rohstoffe, sondern wegen seiner geostrategischen Lage.

Von einer Musterlösung sei man meilenweit entfernt. Einzelne Ansätze und Vorschläge wie die Einrichtung von humanitären Schutzzonen oder Flugverbotszonen müssten auf ihre Durchsetzbarkeit überprüft werden. Trotz aller Geschehnisse und Entwicklungen komme man um Verhandlungen mit Assad nicht herum. Und auch die Vereinten Nationen haben wenig Einfluss, solange im UN-Sicherheitsrat sich die Akteure gegenseitig blockieren.

Nicht unterschätzen solle man die Rolle Deutschlands bei den Lösungsbemühungen. Selbst Assad habe sich um eine Vermittlerrolle Deutschlands bemüht. Die Stimmung gegenüber Deutschland sei gut in Syrien, weil es keine koloniale Vorbelastung gebe und zu Zeiten der DDR besonders enge syrisch/(ost)deutsche Beziehungen existiert hätten. Oberstes Ziel müsse die Vermeidung eines Flächenbrandes in der arabischen Welt bleiben. Dabei müsse die Erkenntnis berücksichtigt werden, dass an den religiösen Eigenheiten und Gesetzmäßigkeiten niemand vorbei komme. Und es müsse mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass bei Wahlen in Syrien Assads Regime bestätigt werden könnte.

In einer lebhaften Diskussion ging es um deutsche Interessen, die Lage in den Anrainerstaaten, die Einigung zur Chemiewaffenvernichtung und Möglichkeiten zur Verbesserung der humanitären Situation. Als Resümee bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass gerade Syrien von einem hoffnungsvollen Frühling weit entfernt ist und die verworrene Situation rasche und nachhaltige Lösungen nicht erwarten lässt. Dankbar für eine Fülle von Informationen und Positionen, aber doch ratlos und fröstelnd applaudierte das Plenum  dem Referenten Dr. Jaeger für seinen anschaulichen Vortrag.

Servatius Maeßen


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