Vortragsabend

zum Thema

Nach den Aufbauillusionen

nun Abzugsillusionen?
 - Bilanz und Perspektiven des Afghanistaneinsatzes

Referent:

 

Foto: Jürgen Rann

Winfried Nachtwei

MdB a.D. und Verteidigungsexperte

von Bündnis 90 / Die Grünen

am Mittwoch, 14. November 2012, 19.00 Uhr

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Sektionseigener Bericht

„Afghanistan: gelinde hoffnungsvoll!“

Das Thema klang provozierend, und der Eine oder die Andere unter den zahlreichen Gästen hatten aufgrund  der politischen Vergangenheit des Referenten eine schonungslose Abrechnung zum Afghanistan-Einsatz erwartet. Aber weit gefehlt!

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete von Bündnis90/Die Grünen und sicherheits-politische Experte, Winfried Nachtwei, referierte mit großer Sachlichkeit, spürbarem inneren Engagement und kenntnisreicher Differenziertheit (Grundlage: 17 Besuche in Afghanistan) zum Thema Nach den Aufbauillusionen nun Abzugsillusionen? Bilanz und Perspektiven des Afghanistan-Einsatzes.

Der Referent Winfried Nachtwei...

Zu Beginn bekannte sich der Referent ohne Wenn und Aber zu seiner parlamenta-rischen Mitverantwortung für die Afghanistan-Mission der Bundeswehr, weil er im November 2001  im Deutschen Bundestag dafür gestimmt hatte.

Maßgeblich für ihn seien damals vier Gründe gewesen:

1. Die Solidaritätsverpflichtung gegenüber den USA nach dem 11.09.2001, einem NATO-Partner der im Kalten Krieg Sicherheits- und Friedensgarant für Deutschland war.

2. Das sicherheitspolitische Argument, dem Sammelpunkt des internationalen Terrorismus eine Riegel vor schieben zu müssen.

3. Der UN-Beschluss und damit im Zusammenhang die Rolle des wiedervereinigten Deutschland in der Welt.

4. Die Unterstützung Afghanistans bei einem gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Neustart.

Nachtwei schilderte die Entwicklung des strategischen Ansatzes, der in der ersten Hälfte zu sehr von Fehleinschätzungen geprägt war: z.B. fehlende Sensibilität gegenüber Religion und Mentalität der Einwohner oder Festhalten an zentralen Lösungsansätzen statt den regionalen und lokalen Verhältnissen Rechnung zu tragen.

...mit einem engagierten Auftritt

Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Lage sei die verstärkte Präsenz in der Fläche ab 2006 gewesen.

Auch wenn sich der Charakter der Mission zunehmend vom peacekeeping zum Anti-Terror-Krieg geändert habe, seien doch durch das Engagement staatlicher und nicht-staatlicher Organisationen Verbesserungen in der medizinischen Versorgung, beim Aufbau der Infrastruktur und im Bildungswesen erzielt worden

Mit der Umstellung auf die „Partnering-Strategie“ und auch der Verstärkung der Polizeiausbildung habe die Lage sich weiter verbessert und seien ermutigende Fortschritte erzielt worden.

Nachtwei machte keinen Hehl daraus, dass die mediale Berichterstattung über Afghanistan sich überwiegend auf die schlechten Nachrichten beschränke und positive Ereignisse und Entwicklungen anscheinend keinen Nachrichtenwert hätten.

Die dadurch entstehende Schieflage führe zu einer verfälschten Wahrnehmung bei uns zuhause und sei mit ein Grund für die gesellschaftliche Ablehnung des deutschen Afghanistan-Engagements.

Insgesamt sei beginnend 2010/2011 eine schrittweise Lageverbesserung spürbar gewesen.

Für die Zukunft und die Zeit nach dem für 2014 geplanten Abzug der ISAF-Kräfte sei es wichtig, dass

- die vermeintliche politische Elite in Afghanistan sich zu einer wirklichen Elite

  entwickle,

- eine Zusammenarbeit mit gemäßigten Taliban angestrebt würde,

- in Zusammenarbeit mit den staatlichen Nachbarn gemeinsame Ziele definiert und

  vertreten würden.

Ermutigend und auch notwendig sei das Engagement der Jugend und das Vertrauen in die junge Generation.

Die Drogenökonomie müssen durch veränderte wirtschaftliche Schwerpunkte abgelöst werden. Hierfür böten die reichhaltigen und wertvollen Bodenschätze Afghanistans eine gute Basis.

...und verdienter Anerkennung

Vor allem aber brauche man Geduld und Stehvermögen. Die Verwirklichung der Perspektiven sei in Jahrzehnten zu rechnen. Auch deshalb sei die Einbindung der jungen Generation von besonderer Bedeutung.

Nachtwei beendete seinen differenzierten, konstruktiv kritischen, temperamentvoll sachlichen Vortrag mit der Bewertung: „Ich sehe die Zukunft Afghanistans gelinde hoffnungsvoll.“

Text:   Servatius Maeßen

Fotos: Berg/Maeßen


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